HAUS DER BAUERN

ORT: Freiburg, Merzhauser Straße
BAUZEIT: 2011 - 2013
BAUHERR: BLHV, Freiburg
VERANTW. PROJEKTPARTNER: Langenbach
MITARBEITER: Hassler, Göbert, Karl, Dieterle

Verwaltungs- und Bürogebäude, Holzbau, 4-geschossig

 

» Badische Zeitung vom 22.11.14

Badische-Zeitung vom 22.11.14

Haus der Bauern: Holz oder Glas?

ARCHITEKTUR IN DER REGION: Das Haus der Bauern in Freiburg besticht durch ein Zusammenspiel von Holz und Glas.

Ist es nun ein Holzhaus? Oder ein Glashaus? Ganz einfach: Es ist ein verglastes Holzhaus. Doch aus dem Zusammenspiel dieser beiden gegensätzlichen Materialien zieht das Haus der Bauern – um diesen Neubau an der Merzhauser Straße in Freiburg geht es hier – seinen ganz besonderen ästhetischen und funktionalen Nutzen. Und der ändert sich je nach Sonnenstand. Diese Wetterabhängigkeit scheint wiederum bestens zur Bauherrschaft zu passen – dem Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband mit seinen angelagerten Organisationen und Unternehmen. Deren Vielfalt bringt der Neubau nach den Plänen der Werkgruppe Lahr unter ein Dach, das dazu beiträgt, dass der Bau, obwohl im Kern viergeschossig, an der Straßenseite mit drei Etagen endet und dadurch kleiner wirkt, als er ist.

Gewiss, es sind dies eher assoziative Zusammenhänge, aber sie entstehen aus der architektonischen Bewegung in und an dem Gebäude – was natürlich auch ein Gegensatz in sich ist wie Holz und Glas. Auf den ersten Blick mag es ruhig und sachlich wirken. Aber da gibt es eben auch das Lichtspiel der Glasfassade, das sich in den leichten Knicken der Längsfronten verstärkt, und die vom Grundriss abweichende Geometrie des Daches, die eine eigentümliche, wenn auch gemächliche Dynamik erzeugt. All das lässt das Haus wiederum eher rätselhaft, als zufälliges Zusammenspiel seiner Elemente erscheinen. So könnte man sich in der Betrachtung des Neubaus verlieren. Dazu lädt niemand mehr ein als Carl Langenbach selbst, Kopf der Werkgruppe Lahr. Architektur entwerfen, hat er in einem Vortrag gesagt, heiße "auf die Atemzüge des Ortes zu hören, seinen Pulsschlag zu fühlen, seinen Rhythmus in sich aufzunehmen und erst dann weiterzudenken".

Dabei geht es hier durchaus rational zu. Dass es ein Bau aus heimischen Holz wurde, wünschte der Bauherr – er steht ja auch für den Schwarzwald. Und die Werkgruppe Lahr hat damit reichlich Erfahrung, insbesondere mit Hotelbauten in Bernau oder auf dem Schauinsland. Erfreulich aber, dass nicht nach traditionellen Bauformen verlangt wurde, die die Identifikation mit der Region allzu offenkundig gemacht hätten: Sie wären an diesem Ort, einer Ausfallstraße zwischen Weinberg und Wohnsiedlung, deplatziert gewesen. Die Beliebigkeit der Umgebung gibt keine Struktur vor – die schafft der Neubau sich selbst als ruhender Pol.

Die vorgeblendete Glasfassade verdankt sich der Überlegung, wie man einen Holzbau vor Regen schützt, der nicht alle paar Jahre neu konserviert, aber auch nicht hinter einer Verkleidung verborgen werden soll. Zugleich nimmt sie dem Holz die Erdenschwere, lässt es blinken, als sei das Haus ein Kristall. UV-Schutz im Glas verhindert zudem ein Ausbleichen des Holzes: Fichte für die konstruktiven Elemente, Weißtanne für den Innenausbau. Beide passen farblich in dieser Frische gut zueinander, ergänzen sich vorzüglich im Inneren, auch weil handwerklich höchst sorgfältig gearbeitet wurde.

Die innere Organisation ist von klarer Funktionalität, aber ohne Nüchternheit – das verhindert die Allgegenwart der warmen Holztöne, aber auch die Gliederung der Räume. Dem Brandschutz geschuldet sind die Treppenhäuser aus Beton, sonst ist alles oberhalb der Tiefgarage aus naturbelassenem Holz. Die Büros sind an den Außenfronten aufgereiht, während in der Mitte ein breiter Raum bleibt – kein Flur als Verkehrsweg, wie man sie von den trostlosen Fluren zweiflügeliger Verwaltungsbauten kennt. Hier können sich die Einzelgänger aus ihren Büros zum Team finden, hier wird die gemeinsame Arbeit in sehr schön gearbeiteten, die schräge Flucht des Raumes aufnehmenden Schränken und Regalen aufbewahrt. Durch die hohen Fenster und die gläsernen Wände der Büros fällt das Licht weit ins Innere der Etagen, und durch alle Geschosse zieht sich ein zentraler schmaler Lichthof, der Helligkeit auch noch in die Mitte des Hauses hereinholt.

Das Spiel von Licht, Brechung und Schatten an der Fassade wiederholt sich damit im Innern, ebenso der Wechsel von Glas und Holz. Daraus gewinnt der Bau eine durchgängige Stimmigkeit, die ihn über die funktionalen Ansprüche hinaus zum Erlebnis für jeden werden lässt, der ihn betritt. Solche Architektur, die, mit Langenbach zu sprechen, ihren eigenen Pulsschlag hat, vermag Identität zu stiften – ein Angebot an die dort Beschäftigten, aber auch an die Öffentlichkeit, dieses Bürogebäude wirklich als Haus der Bauern wahrzunehmen.

Wulf Rüskamp